Ein Parfum für Gala

 
 
 
1929

Abschied von seinen eigenwilligen "Duft-Escapaden" nahm Salvador Dalí Anfang August 1929, nachdem er sich fast sein erstes Rendevouz mit seiner späteren Muse und Ehefrau Gala verdorben hätte:

Aufgeregt fieberte Dalí dem Vormittag entgegen, an dem er sich mit "der Frau seiner Träume" zum ersten gemeinsamen Baden am Strand von Cadaqués verabredet hatte. Wie sollte er ihr nur begegnen? In seinem Look eines argentinischen Tangotänzers, mit weisser Dandy-Hose und parfumiertem Seidenhemd mit grossen bauschigen Ärmeln und seinen mit viel duftender Pomade eingefetteten schwarzen Haaren? Nein! Er entschied sich, ein völlig neues "Outfit" zu erfinden, um seine Gala zu beeindrucken:

Dalí wühlte seit dem Morgengrauen in seinen Schränken und probierte ein Teil nach dem anderen, bis er schliesslich entnervt damit begann, sein schönstes Hemd zu verstümmeln. Mit der Schere schnitt er ein Drittel davon weg, so dass eine Art Weste übrig blieb. Ein Loch entblösste seine linke Schulter, eines die schwarzen Haare seiner Brust. Dann ging es diesem Fetzen noch an den Kragen. Sollte er ihn offen oder geschlossen tragen? Er entschied sich für keines von beiden, er schnitt den ganzen Kragen mit einer Schere ab.

Ein Problem war nun noch die Hose. Er beschloss, seine Badehose anzuziehen. Da sie ihm aber zu modisch erschien, kam er auf die Idee, sie umzudrehen, sodass das weisse Baumwollfutter nach aussen zeigte. Anschliessend rasierte er sich die Haare unter seinen Armen so gründlich, dass die Achselhöhlen an einigen Stellen bluteten.
 
 
  "...da es mir nicht gelang, den "idealen bläulichen" Effekt zu erzielen, den ich zum ersten Mal an den eleganten Damen in Madrid beobachtet hatte, holte ich mir etwas "Waschblau", mischte es mit Puder und färbte damit meine Achselhöhlen."  
 
 
 

Bei den sommerlichen Temperaturen und seiner Nervosität begann sich aber schon bald dieses Make-up aus gefärbtem Puder durch seinen Schweiss aufzulösen und hinterliess bläuliche Streifen, die an seinen Seiten herunterliefen. Mittendrin gerann das Blut der rasurgereizten Haut. Es sah dramatisch aus - ein Meisterwerk !!

Was sonst noch zu seinem Schwimmkostüm fehlte, war nun noch ein ausgefallenes Parfum...

Es ist für uns kaum vorstellbar, aber Dalí berichtete in privaten Gesprächen ebenso wie in seinen autobiografischen Aufzeichnungen davon, wie er versuchte, sich ein Parfum herzustellen, das alle seine anderen Eau de Cologne in den Schatten stellen sollte:
 
 
  "Mit einem kleinen Spirituskocher brachte ich Wasser zum Kochen und löste darin Fischleim auf, wie ich ihn zum Präparieren meiner Leinwände benötigte. Bis dieser kochte, holte ich aus einem Stall nahe des Hauses Ziegenmist und warf eine Hand voll davon in den aufgelösten Leim, später noch eine. Mit einem grossen Pinsel rührte ich diese Mischung so lange, bis sich eine einheitliche Masse gebildet hatte. Zunächst war der Gestank des Fischleims stärker als der des Ziegenmistes, aber sobald die blubbernde Masse gelierte, dominierte der Ziegengeruch.

Das letzte Geheimnis dieses "umwerfenden" Geruchs - der allmählich das ganze Haus zu erfüllen begann - war meine Flasche mit Lavendelöl, das ich für die Ausführung meiner Radierungen benutzte. Von dem reichte ein Tropfen aus, um einem Stoff mehrere Tage lang zäh anzuhaften. Ich goss die halbe Flasche in den brodelnden Sud, - und "Wunder über Wunder" wie bei einer regelrechten Hexerei: es entstieg ein "anmassend dominant potenter Duft eines Widders", der wie ein Dominantsexakkord in meiner schnuppernden Nase erklang!"
 
 
 
 

Mit der gelierten und abgekühlten Paste rieb er sich seinen ganzen Körper ein. Als letzten Pfiff steckte er sich eine riesige feuerrote Geranie hinters Ohr und eilte - überwältigt von seinem Parfum - zum offenen Fenster. Als Dalí aber die Dame seines Herzens in der Sonne am Strand sah, verliess ihn all sein Mut:
 
 
  "Ihretwegen hatte ich mein bestes Seidenhemd in Fetzen gerissen, ihretwegen hatte ich mir meine Achselhöhlen blutig rasiert! Jetzt aber, da sie unten war, wagte ich nicht mehr, so zu erscheinen. Ich betrachtete mich im Spiegel und fand das Ganze erbärmlich!"  
 
 
 

In wilder Hast riss sich Dalí seine so mühevoll gestaltete Aufmachung vom Leibe und stürzte ins Badezimmer, um seinen Körper, so gut es ging zu waschen und den "erstickenden Gestank", den er verströmte, loszuwerden. Ausgestattet mit korrekt angezogener Badehose, allerdings nun behängt mit einer Perlenkette seiner Schwester, und einer "auf weniger als die Hälfte reduzierten Geranie" hinterm Ohr lief er dann hinaus zum Strand - und eroberte seine Gala.
 
 
    Salvador Dalí und Gala.

 
 
 

Gala verliess ihren Ehemann, den Dichter Paul Eluard, blieb bei Dalí in Cadaqués, und wurde seine unverzichtbare Gefährtin, Muse, Managerin und später seine Ehefrau.
 
 
   

 
 
 

Und Dalí? Salvador Dalí entsagte fortan eigenen "Parfum-Kreationen" und konzentrierte sein Können auf die Gestaltung edler Flakons...
 
 
 
 
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