Der Sonnenkönig

 
 
 
 

Elsa Schiaparelli galt in den eingeschworenen Kreisen der Pariser Modeschöpfer wegen ihrer revolutionären Entwürfe vom Beginn ihrer Karriere an als "unmöglich" und "stillos".

"Die Chanel hat wenig Geschmack, aber guten, - die Schiaparelli hat viel Geschmack, aber schlechten", hiess es, - und man hoffte inständig, sie würde möglichst bald - samt ihren "selbstgestrickten Pullovern" - wieder in der Versenkung verschwinden. Aber diesen Gefallen tat ihnen die "Schiap" nicht! Sie "strickte" und schneiderte unbeirrt weiter an ihrer Karriere und ihren Kollektionen einer "funktionellen, sportiven Mode für die moderne Frau". Inspiriert durch befreundete Künstler, - vor allem aus der Gruppe der Surrealisten, - entwarf sie immer ungewöhnlichere und gewagtere Kleidungsstücke und Accessoirs.

Nach einiger Zeit kauften nicht nur Kundinnen aus Paris bei ihr ein, sondern auch aus Amerika kamen Nachfragen von Leinwandstars wie Katherine Hepburn und Greta Garbo. Hollywood war begeistert von "Shocking Elsa". Die Presse überschlug sich, - die Pariser Couturiers waren fassungslos, - aber wohlbetuchte Kundinnen aus aller Welt standen vor ihrem 1933 eröffneten Salon unmittelbar gegenüber dem Pariser Hotel Ritz an der Place Vendôme - und erwarteten immer noch sensationellere Kreationen.

Neben Jean Cocteau wurde vor allem Salvador Dalí als unermüdlicher Erfinder surrealistischer Bilder Elsa Schiaparellis wichtigster Ideenlieferant und Helfer. Zusammen mit Dalís Muse und Gefährtin Gala bildeten sie eine regelrechte "Symbiose", und es entstanden Kreationen, die heute in den Sammlungen der bedeutendsten Museen für Mode zu finden sind.
 
 
    Salvador Dalí und Elsa Schiaparelli.

 
 
 

So entwarf er für Elsa Schiaparelli "Abendhandschuhe mit aufgenähten goldenen Fingernägeln", "Hüte mit Lammkoteletts", "Schubladen-Kleider für die moderne Sekretärin", "Tintenfass-Hüte", "Hummer-Kleider", "Handtaschen in Form eines Telefons, aus denen es bei ihrem Öffnen klingelt", "Weiche Zylinderhüte", sein "Fetzenkleid" als grosse Abendrobe für hochoffizielle Anlässe mit einem Cape aus teuerster Seide, verziert mit echten Rissen im Stoff, den legendären "Schuh-Hut", bestehend aus einem umgedrehten schwarzen Wildleder-Pomps mit roter Sohle, und und und...
 
 
    "Fetzenkleid" - mit einem Cape aus Seide, verziert mit echten Rissen im Stoff.

 
   

 
 
 

"Schubladen-Kleid für die moderne Sekretärin", "Hut mit Lammkotelett", "Schuh-Hut" und "Lippenkleid" sowie "Kommoden-Kleid", Entwürfe Elsa Schiaparellis nach Salvador Dalí, 1937.
 
 
  "...Elsa Schiaparelli war begeistert über die realistische Darstellung meines auf den Stoff gemalten Hummers, verbot mir aber dann doch, echte Majonnaise auf das Kleid zu spritzen, um alles noch realistischer aussehen zu lassen."  
 
    Die Herzogin von Winsor mit Dalís "Hummer-Kleid".

 
 
 

Als Elsa Schiaparelli plante, ein neues Parfum auf den Markt zu bringen, hatte Salvador Dalí auch dafür eine passende Idee: aus den aktuellen amerikanischen Spielfilmen kannte und bewunderte er die Schauspielerin Mae West. Er war von ihr so begeistert, dass er 1935 eine Fotografie des Filmstars soweit surrealistisch verfremdete, dass aus ihrem Gesicht eine komfortable Inneneinrichtung mit Nasen-Kamin und Lippen-Sofa wurde.
 
 
    "Gesicht der Mae West - kann als surrealistisches Appartement benutzt werden", 1934-35.

 
 
 

Der Zufall wollte es, dass Dalí einige Monate später just in dem Augenblick in Elsa Schiaparellis Salon anwesend war, als eine Schneiderpuppe aus den USA angeliefert wurde. Sie gehörte Mae West. Die Filmdiva aus Hollywood war eine der berühmtesten Kundinnen der "Schiap" und hatte aus Termingründen nicht persönlich zur Anprobe in Paris erscheinen können. Daher schickte sie diese Schneiderpuppe, - sorgfältig eingestellt auf ihre aktuellen und stattlichen Körpermasse.

Dalí war völlig aufgeregt - das war der neue Flakon! Die Büste in den Formen der Mae West als Flakon. Dazu ein "Kopf aus Rosen" - wie auf seinem soeben fertiggestellten Ölgemälde. Elsa Schiaparelli war begeistert - und der Name lag auch schon in der Luft, - Amerika liess grüssen: "Shocking".
 
 
    "Frau mit Rosenhaupt", 1935.

 
    "Surrealistische Schneiderbüste", nach einer Idee Salvador Dalís für Elsa Schiaparelli. Dekoration für die Ausstellung "Die Göttlichen Düfte - Salvador Dalí und seine Parfums", 2004.

 
 
1936

Die weitere Konzeption übertrug Elsa Schiaparelli der Künstlerin Léonor Fini, wie Salvador Dalí ebenfalls aus dem Kreis der Surrealisten. Léonor Fini gab dem Flakon sein endgültiges Aussehen: Eine Glasbüste mit übergeworfenem Schneidermassband, und als Kopf ein Bouquet bunter Blüten aus Muranoglas. Darüber gestülpt, wie eine kristallene Kuppel, ein Uhrenglas. Alles zusammen verpackt in einer Schatulle in Elsas Lieblingsfarbe: "shocking-pink".
 
 
    "Shocking" - Parfum, Eau de Toilette, Eau de Cologne und Miniaturen - Schiaparelli.

 
 
 

So entstand einer der berühmtesten Schiaparelli-Flakons. Dalí gab seinen Entwurf eines "Mae-West-Lippensofas" an einen englischen Möbeldesigner weiter, der etwa zeitgleich mit der Einführung des neuen Parfums 1936 ein pinkfarben bezogenes Sitzmöbel in der Form von Mae West's Lippen fertigstellte. Das Sofa kam aber wohl niemals bis nach Paris. Dalís Förderer Sir Edward James reservierte es für sich - und bestellte gleich noch weitere für sein Domizil Monkton House.
 
 
 
 

In Paris standen im Schaufenster aufgereiht die Glasdome mit den Büstenflakons, - und vor der Scheibe die Kundinnen in der Schlange, um Elsa Schiaparellis neues Parfum "Shocking" kennenzulernen. Der Duft wurde ein voller Erfolg.
 
 
    Salon Elsa Schiaparelli, Place Vendôme, Paris.

 
 
 

Elsa Schiaparelli dachte daher an eine Erweiterung ihres Parfumgeschäfts, und Dalí hatte wieder jede Menge guter Vorschläge. Der Name des nächsten Parfums sollte, wie Elsa Schiaparelli es wünschte, wieder mit einem "S" beginnen - "S" wie Schiaparelli - oder, wie Salvador Dalí in geselliger Tischrunde später gerne flunkerte:
 
 
  "...S - wie: Shocking - oder - Salvador..."  
 
 
 
  |vorherige Seite| |nächste Seite|